Nordic Noir · Polit-Thriller

Ein Roman von Matthias Loheide

Leseprobe

Kapitel 8 · Wer ihn kannte

Leseprobe aus Baltikum

Ein erster Einblick in den Roman Baltikum von Matthias Loheide. Die folgende Szene zeigt die düstere, ruhige Tonalität des Buches und gibt einen Eindruck von Figuren, Atmosphäre und Erzählweise.

Kapitel 8

Wer ihn kannte

Die Wohnung des Toten wirkte nicht leer. Sie wirkte nicht mehr bewohnt.

Petersen blieb im Eingang stehen und zog die Handschuhe an. Rademacher ging bis zum Tisch, langsam, ohne etwas zu berühren. Ein halbvolles Glas. Ein Ladegerät ohne Telefon. Auf einem Teller zeigte sich ein angetrockneter Rand von Soße. Daneben eine Gabel, sauber abgelegt, als hätte jemand das Essen nicht beendet, sondern nur kurz den Raum verlassen.

Kein Fernseher lief. Kein Radio. Kein Geräusch außer dem leisen Summen des Kühlschranks.

»Fangen wir nicht mit dem an, der ihn umgebracht hat«, sagte Petersen. »Fangen wir mit dem an, was von ihm übrig ist.«

Rademacher sah auf den Tisch.

»Nicht viel.«

»Vielleicht reicht wenig.«

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Die Wohnung war klein. Bett an der Wand, Tisch mit zwei Stühlen, schmaler Schrank, Küchenzeile. Auf dem Fensterbrett standen zwei leere Flaschen Mineralwasser und ein Basilikumtopf, der schon vor langer Zeit aufgegeben hatte. An der Garderobe hing eine dunkle Jacke. Darunter standen Schuhe, ordentlich nebeneinander. Zu ordentlich für jemanden, der nachts auf St. Pauli erstochen wurde.

Petersen machte Fotos vom Raum. Übersicht zuerst, dann Details. Tür. Fenster. Tisch. Garderobe. Schrank. Er arbeitete ohne Hast, aber auch ohne die Schwere, die Rademacher in solchen Wohnungen immer spürte.

»Er hat hier nicht gelebt, um zu bleiben«, sagte Petersen.

»Oder er hat gelernt, wenig stehen zu lassen.«

»Du meinst, dass er vorbereitet war?«

»Ich meine, er war vorsichtig.«

Petersen ging zur Küchenzeile. Zwei Tassen. Ein Messerblock mit allen Messern. Eine Packung Tee. Keine Medikamente, keine Fotos an der Wand, keine Bücher, nur ein Stapel alter Zeitungen unter dem Tisch. Auf dem Briefkasten stand ein Name, der noch geprüft werden musste. In der Wohnung selbst stand er nirgends.

»Keine persönlichen Unterlagen«, sagte Petersen.

»Keine sichtbaren.«

»Kein Handy.«

»Wissen wir.«

»Kein Laptop.«

»Auch das wissen wir.«

Petersen öffnete eine Schublade. Quittungen, Kleingeld, ein Kugelschreiber, ein alter Fahrplan. Er legte nichts heraus, ohne es vorher zu fotografieren.

Rademacher blieb am Tisch stehen. Sein Blick ging über die Oberfläche, blieb am Glas hängen, an einem kleinen Abdruck im Staub. Rechteckig. Da hatte etwas gelegen. Nicht lange weg. Aber weg.

»Hier fehlt etwas«, sagte er.

Petersen sah hinüber. »Größe?«

»Etwa wie ein kleiner Umschlag. Oder ein Notizbuch.«

Petersen fotografierte den Abdruck. »Mitgenommen?«

»Oder nie da gewesen.«

»Du glaubst nicht an Zufall.«

»Ich glaube an Leute, die Zufälle herstellen.«

Petersen sagte nichts und ging zum Schrank. Hemden, zwei Paar Hosen, ein Mantel in einer Reinigungshülle. Unten ein Aktenordner ohne Beschriftung. Leer. Nicht ausgeräumt, sondern nie gefüllt. Oder sehr sorgfältig geleert.

Er ging mit den Fingern an der Rückwand entlang. Im unteren Fach gab das Holz leicht nach.

»Hier.«

Rademacher kam nicht näher als nötig. Petersen fotografierte, markierte die Stelle und holte einen schmalen Kunststoffheber aus der Tasche. Kein Kratzen, kein Reißen. Das Brett löste sich mit einem leisen Knacken.

Dahinter lag ein Hohlraum.

Leer.

Petersen leuchtete hinein. Staub an den Rändern, in der Mitte weniger. Dort hatte etwas gelegen.

»Da war etwas drin«, sagte er.

»Und jetzt nicht mehr.«

»Frisch geleert.«

»Sieht so aus.«

Petersen machte mehrere Fotos. Dann nahm er eine Probe vom Staubrand und verpackte sie. Seine Bewegungen waren genau. Nicht eifrig. Nur genau.

Rademacher sah in den Hohlraum. Ein Versteck, das nichts mehr versteckte. Das war fast immer schlimmer als ein gefülltes.

»Wer eine Wohnung durchsucht, nimmt das, was er sucht«, sagte Petersen.

»Und lässt zurück, was wir finden sollen.«

Petersen sah ihn kurz an.

»Du meinst, das hier ist nicht übersehen worden.«

»Ich meine, ein leerer Hohlraum ist eine Nachricht. Man muss nur wissen, für wen.«

Petersen wandte sich wieder dem Schrank zu. Unten, zwischen der Seitenwand und der Bodenplatte, klemmte etwas. Nicht im Hohlraum. Daneben. Zu sichtbar, wenn man einmal dort war. Zu unsichtbar, wenn man nicht wusste, wo man suchen musste.

Ein Foto.

Er löste es vorsichtig, hielt es nur an der Kante und legte es auf eine saubere Unterlage.

Das Bild war leicht geknickt. Zwei Männer standen an einem Kai. Wind im Hintergrund, Wasser, ein niedriger Bau, Metallgeländer. Einer der Männer war der Tote. Lebendig, schmaler als auf der Trage, mit einem Lächeln, das nicht für die Kamera gedacht war. Neben ihm ein blonder Mann, größer, heller Mantel, Gesicht halb zur Seite gedreht.

Petersen hielt das Foto näher ans Fenster.

»Øresund-Terminal«, sagte er. »Oder jedenfalls Øresund-Kaj. Kopenhagen.«

Rademacher sah auf das Bild. Nicht auf den Ort zuerst. Auf die Gesichter.

»Kennst du den Mann?«

»Nein.«

»Sieht er aus, als wäre er zufällig ins Bild gelaufen?«

»Nein.«

»Das beweist trotzdem nur, dass sie am selben Ort standen.«

»Ja«, sagte Petersen. »Aber nicht, warum das Foto hier liegt.«

Rademacher sah wieder zum Schrank.

»Genau.«

Petersen schob das Foto in eine Hülle, beschriftete sie und legte sie auf den Tisch. Nicht neben den Hohlraum. Nicht als Trophäe. Als Beweisstück.

»Wenn jemand den Hohlraum leert«, sagte Rademacher, »warum lässt er ein Foto daneben stecken?«

»Übersehen.«

»Vielleicht.«

»Oder keine Zeit.«

»Vielleicht.«

»Oder Absicht«, sagte Petersen.

Rademacher sah ihn an, sagte aber nichts.

Petersen schrieb nichts sofort auf. Er ließ den Gedanken stehen. Dann ging er zur Garderobe. Die Jacke hing dort, als hätte sie auf ihren Besitzer gewartet. Petersen tastete die Außentaschen ab. Leer. Dann die Innentasche.

Papier.

Er zog es heraus. Ein gefalteter Beleg, an einer Kante eingerissen, einmal quer geknickt und vom Tragen weich geworden. Er entfaltete ihn auf dem Tisch, ohne ihn glatt zu streichen.

»Was?«, fragte Rademacher.

Petersen drehte das Blatt so, dass er mitlesen konnte.

Hotel Øresund, Kopenhagen. Zwei Übernachtungen. Bar bezahlt. Vor drei Wochen.

Rademacher blieb still.

Petersen sah auf den Beleg, dann auf das Foto. »Das ist belastbarer als das Bild.«

»Belastbarer, ja.«

»Aber?«

»Zu passend.«

Petersen sah wieder auf die Rechnung.

»Du meinst, jemand leert das Versteck, lässt das Foto liegen und vergisst dann auch noch die Hotelrechnung in der Jacke.«

»Ich meine, jemand hat alles ausgeräumt und genau das liegen lassen, was uns nach Kopenhagen schickt.«

Der Kühlschrank summte weiter. Draußen fuhr ein Wagen durch die Straße. Reifen auf nassem Asphalt, dann wieder Stille.

Petersen legte die Rechnung in eine Hülle. Seine Finger arbeiteten ruhig, aber sein Gesicht war wacher geworden.

»Dann ist das kein Fund«, sagte er.

»Doch. Nur nicht unbedingt unserer.«

»Sondern einer, der für uns liegen gelassen wurde.«

»Vielleicht.«

»Du hasst dieses Wort.«

»Nein. Ich lebe davon.«

Petersen notierte die Beutelnummern, machte Nahaufnahmen der Rechnung und fotografierte ihre Lage in der Jacke. Danach trat er einen Schritt zurück und sah den Raum noch einmal neu an.

Tisch. Glas. Ladegerät. Schrank. Hohlraum. Foto. Jacke. Rechnung.

Dasselbe Zimmer. Andere Bedeutung.

»Wenn das inszeniert ist«, sagte Petersen, »dann fehlt uns das eigentliche Motiv der Durchsuchung.«

»Ja.«

»Und die Dinge, die mitgenommen wurden, sind wichtiger als die Dinge, die hier liegen.«

Rademacher nickte.

»Der leere Hohlraum ist dann der eigentliche Befund«, sagte Petersen.

»Nicht leer«, sagte Rademacher. »Geleert.«

Petersen schrieb es auf.

Geleerter Hohlraum. Foto Kopenhagen. Hotelrechnung Kopenhagen. Platzierung auffällig.

Er tippte weiter, trocken, sauber, mit der Konzentration eines Mannes, der wusste, dass Beweise nur dann etwas wert waren, wenn sie später noch standen.

Rademacher ging zum Fenster. Unten im Hof standen Mülltonnen, ein Fahrrad ohne Vorderrad und ein Lieferwagen mit beschlagenen Scheiben. Niemand sah hoch. Niemand wartete sichtbar. Gerade das störte ihn.

»Wir haben also einen toten Mann in Hamburg«, sagte er. »Eine Zeugin, die uns nach Kopenhagen schickt. Einen Hohlraum, der geleert wurde. Ein Foto aus Kopenhagen. Eine Hotelrechnung aus Kopenhagen. Und nichts davon sagt uns, ob wir einer Spur folgen oder einem Plan.«

Petersen legte das Tablet ab. »Dann suchen wir als Nächstes nicht nur nach Dingen.«

Rademacher drehte sich zu ihm.

»Sondern nach Leuten, die ihn kannten«, sagte Petersen. »Und nach Leuten, die wussten, dass wir diese Wohnung finden.«

Der Satz blieb im Raum.

Rademacher sah noch einmal auf das Foto. Der Tote lachte darauf leicht, fast beiläufig. Nicht wie jemand, der einem Schatten entkommen war. Eher wie jemand, der für einen kurzen Moment vergessen hatte, dass es Schatten gab.

Das war der unangenehmste Teil daran. Nicht das Wasser im Hintergrund. Nicht der Mann neben ihm. Das Lachen.

»Schick Keller das Foto und die Rechnung«, sagte Rademacher. »Aber verkauf es nicht als Beweis.«

»Sondern?«

»Als Risiko.«

Petersen nickte. »Und den Hohlraum?«

»Ganz nach oben.«

»Warum?«

»Weil leere Stellen meistens ehrlicher sind als volle.«

Petersen nahm die Mappe und legte Foto, Rechnung, Probenvermerk und Raumprotokoll hinein. Dann sah er noch einmal zum Schrank.

»Wenn jemand wollte, dass wir nach Kopenhagen sehen«, sagte er, »dann sind wir spät dran.«

Rademacher nahm seinen Mantel vom Stuhl.

»Dann sollten wir wenigstens nicht auch noch dankbar dafür sein.«

Petersen löschte das Licht in der Wohnung nicht sofort. Für einen Moment stand alles offen da. Tisch, Glas, Post, Schrank. Ein fremdes Leben, reduziert auf Spuren, Lücken und Dinge, die zu gut passten.

Dann schloss Petersen die Mappe.

»Keller?«

Rademacher ging zur Tür.

»Keller.«

Wie es weitergeht, bleibt offen …

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